Wissen und Impulse zu ADHS, Selbstwert und psychischer Gesundheit.
Woran erkenne ich eine gute ADHS-Diagnostik?
Ein wichtiger Punkt vorab:
Gute Diagnostik versucht nicht, eine ADHS zu bestätigen. Sie versucht herauszufinden, welche Erklärung am besten zu den Beschwerden passt. Denn Konzentrationsprobleme, Vergesslichkeit, innere Unruhe oder Schwierigkeiten mit Organisation und Motivation können zu ADHS passen – müssen es aber nicht.
Woran kann man also eine sorgfältige Diagnostik erkennen?
1. Es geht nicht nur um das Hier und Jetzt.
ADHS ist eine neuroentwicklungsbedingte Störung. Deshalb gehört die Entwicklung seit der Kindheit zwingend in den Blick: Wie war es in der Schule? Mit Hausaufgaben, Ordnung, Impulsivität, Tagträumen oder Vergesslichkeit? Wenn vorhanden, können Grundschulzeugnisse oder Informationen von Eltern und anderen Bezugspersonen sehr hilfreich sein.
2. Fragebögen alleine reichen nicht.
Standardisierte Fragebögen sind sinnvoll und gehören für mich zu einer guten Diagnostik dazu. Aber ein auffälliger Wert bedeutet nicht automatisch ADHS. Entscheidend ist das ausführliche diagnostische Gespräch und die klinische Einordnung der Ergebnisse.
3. Es wird geprüft, ob die Symptome tatsächlich zu Beeinträchtigungen führen.
Nicht jede Vergesslichkeit und nicht jedes Aufschieben ist pathologisch. Relevant ist unter anderem, wie stark sich die Symptome auf Beruf, Studium, Beziehungen, Alltag oder Selbstorganisation auswirken – und ob sie in verschiedenen Lebensbereichen auftreten.
4. Andere Erklärungen und mögliche komorbide Erkrankungen werden sorgfältig geprüft.
Depressionen, Angststörungen, Schlafprobleme, traumatische Belastungen, Substanzkonsum oder andere psychische und neuroentwicklungsbedingte Störungen können teilweise sehr ähnliche Symptome verursachen oder zusätzlich zu einer ADHS bestehen.
5. Kein einzelner Test kann eine ADHS beweisen oder ausschließen.
Aufmerksamkeits- oder Leistungstests können zusätzliche Informationen liefern. Die Diagnose entsteht aber aus der Zusammenschau von Anamnese, Symptomen, Entwicklung, Beeinträchtigungen und differentialdiagnostischen Befunden.
Und vielleicht der für mich wichtigste Qualitätsmarker:
6. Am Ende sollte nachvollziehbar sein, warum die Diagnose gestellt wurde bzw. warum nicht.
Eine gute Diagnostik endet nicht bei einem Testergebnis. Sie sollte die Befunde einordnen und erklären, welche nächsten Schritte sinnvoll sind.
Wissen und Impulse zu ADHS, Selbstwert und psychischer Gesundheit.
Aktuelle Studie: Sind ADHS-Symptome vor der
Periode tatsächlich stärker?
Viele Frauen mit ADHS berichten genau davon: In den Tagen vor der Menstruation fällt die Konzentration schwerer, die Reizbarkeit nimmt zu oder Strategien, die sonst gut funktionieren, greifen plötzlich weniger.
Eine neue Studie im Journal of Psychiatric Research liefert dazu interessante Daten. Befragt wurden 600 Frauen mit einer berichteten ADHS-Diagnose und ADHS-Symptomen zu Veränderungen ihrer Symptomatik in verschiedenen hormonellen Lebensphasen.
Besonders auffällig: 88,6 % der prämenopausalen Teilnehmerinnen, die keine Hormontherapie verwendeten, berichteten Veränderungen ihrer ADHS-Symptome im Verlauf des Menstruationszyklus. Am häufigsten wurde eine Verschlechterung in der Lutealphase – also in der Zeit vor der Periode – angegeben.
Das ist klinisch durchaus relevant. Denn wenn Konzentration, Impulsivität oder emotionale Regulation nicht jeden Tag gleich gut funktionieren, muss das nicht zwangsläufig bedeuten, dass bisherige Strategien plötzlich „nicht mehr funktionieren“. Es kann sinnvoll sein, auch zyklusabhängige Schwankungen im Blick zu behalten.
Gleichzeitig ist wichtig, die Ergebnisse nicht zu überinterpretieren: Die Studie basiert auf einer einmaligen Online-Befragung und Selbstberichten. Sie zeigt damit einen Zusammenhang, kann aber nicht nachweisen, dass hormonelle Veränderungen die Ursache für die stärkeren ADHS-Symptome sind. Auch die objektiv erhobene Symptomschwere unterschied sich im Querschnitt zwischen den hormonellen Lebensphasen nicht wesentlich.
Trotzdem finde ich die Studie spannend, weil sie etwas wissenschaftlich sichtbarer macht, was viele Frauen mit ADHS aus ihrem Alltag bereits beschreiben.
Und sie zeigt einmal mehr, wie viel wir über ADHS bei Frauen und den Einfluss hormoneller Lebensphasen noch lernen müssen.
Quelle: Osianlis E. et al. (2026). ADHD in females: Survey findings on symptoms across hormonal life stages. Journal of Psychiatric Research, 193, 208–215.
Warum sind wir mit uns selbst oft so viel strenger als mit anderen?
Mir begegnen in der Praxis, aber auch privat, immer wieder hochkompetente, reflektierte und ganz wunderbare Menschen, die im Alltag unglaublich viel stemmen. Menschen, die eigentlich allen Grund hätten, stolz auf sich zu sein und trotzdem unfassbar streng mit sich umgehen.
Jemand kritisiert Ihren Beitrag im Meeting und Sie können Stunden später noch nicht aufhören, über diesen einen Satz nachzudenken: „Vielleicht hat er ja recht?!“
Sie machen einen Fehler, vergessen etwas und sind richtig wütend auf sich selbst: „Wie konnte ich das nur vergessen?!“
Oder Sie setzen eine Grenze, von der Sie eigentlich wissen, dass sie richtig war und fühlen sich danach schlecht: „Hält sie mich jetzt für eine schlechte Freundin?“
Das sind nur einige Beispiele dafür, wie eng der eigene Wert an Leistung, Anerkennung und die positive Rückmeldung anderer gekoppelt sein kann.
Die gute Nachricht: Das lässt sich verändern.
Ein stabilerer Selbstwert entwickelt sich unter anderem dann, wenn wir lernen, Kritik anders einzuordnen, unsere eigenen Bedürfnisse ernster zu nehmen, Grenzen zu setzen und unseren Wert weniger davon abhängig zu machen, was andere über uns denken.
Und genau dieses Thema hat meine drei Kolleginnen und mich in den vergangenen zwölf Monaten sehr intensiv beschäftigt. So intensiv, dass daraus schließlich ein Buch geworden ist.
In „7 Schritte zu einem besseren Selbstwert“ haben wir psychologische Forschung, unsere langjährige Praxiserfahrung und konkrete Übungen zusammengebracht, die dabei helfen können, Schritt für Schritt einen freundlicheren und realistischeren Blick auf sich selbst zu entwickeln.

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Emotionale Dysregulation bei ADHS: bekanntes
Phänomen, unterschätztes Diagnosekriterium?
Starke Reaktionen auf Frustration, schnelle Gereiztheit oder Schwierigkeiten, nach emotionaler Aktivierung wieder „herunterzukommen“: Diese Reaktionsmuster kennt man im Zusammenhang mit ADHS. Auch etablierte Verfahren in der Erwachsenendiagnostik wie die HASE-Testbatterie erfassen entsprechende Symptome. Trotzdem gehört emotionale Dysregulation weder im DSM-5 noch in der ICD-11 zu den diagnostischen Kernsymptomen von ADHS.
Eine neue Studie in JAMA Psychiatry macht das Thema nun aus einer anderen Perspektive interessant: Die Forschenden analysierten MRT-Daten von insgesamt 1.000 Kindern mit ADHS aus zwei unabhängigen Kohorten. Mithilfe eines semisupervidierten Clustering-Verfahrens identifizierten sie drei neurobiologisch unterscheidbare Muster. Besonders spannend: Eines dieser Muster war mit ausgeprägter kombinierter ADHS-Symptomatik und emotionaler Dysregulation verbunden. Die Kernbefunde konnten in einer zweiten, unabhängigen Kohorte repliziert werden – ein methodisch wichtiger Pluspunkt, da neurobiologische Subtypisierungen auf Basis von Clustering-Verfahren nicht immer über verschiedene Stichproben hinweg stabil sind.
Was bedeutet das für die Praxis?
Zunächst einmal nicht, dass es jetzt einen neuen „emotionalen ADHS-Typ“ gibt. Und auch nicht, dass sich ADHS künftig per MRT diagnostizieren lässt. Die Ergebnisse liefern aber weitere Hinweise darauf, dass ADHS neurobiologisch möglicherweise heterogener ist, als unsere heutigen diagnostischen Kategorien abbilden. Und sie werfen eine Frage erneut auf, die in der ADHS-Forschung schon länger diskutiert wird:
Ist emotionale Dysregulation lediglich ein häufiges Begleitphänomen von ADHS – oder gehört sie stärker zum Kern der Störung, als unsere heutigen Diagnosekriterien vermuten lassen?
Quelle: Pan N, Long Y, Qin K, et al. Mapping ADHD Heterogeneity and Biotypes by Topological Deviations in Morphometric Similarity Networks. JAMA Psychiatry. 2026;83(5):478–490.
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Bringt eine ADHS-Diagnose im Erwachsenenalter überhaupt
etwas – oder lohnt sich das lange Warten nicht?
Wann eine Diagnostik besonders sinnvoll sein kann:
Vor allem dann, wenn die Symptome den Alltag deutlich beeinträchtigen. Menschen mit ADHS berichten häufig über anhaltende Schwierigkeiten mit Aufmerksamkeit, Organisation, Zeitmanagement oder emotionaler Regulation. Beruf, Studium, Beziehungen oder Familienleben können darunter erheblich leiden.
Eine Diagnostik kann dann den Zugang zu Behandlungsangeboten eröffnen – z.B. zu einer verhaltenstherapeutischen Behandlung mit ADHS-Schwerpunkt oder zu einer medikamentösen Therapie. Gerade bei mittel bis stark ausgeprägten Symptomen können diese Behandlungen die Lebensqualität deutlich verbessern.
Der Nutzen geht oft weit über die Behandlung hinaus:
Vielen Menschen erscheinen Erlebnisse der Vergangenheit plötzlich in einem anderen Licht: die Konzentrationsschwierigkeiten in der Schule trotz guter Begabung, die abgebrochene Promotion trotz eigentlich vorhandenem Interesse und Motivation, die Aufgaben, die anderen scheinbar leichtfielen und einen selbst unglaublich viel Energie kosteten…Eine Diagnose hilft, die eigene Vergangenheit besser zu verstehen. Viele Betroffene erleben es als große Entlastung, wenn jahrelange Selbstvorwürfe wie „Ich bin zu faul / zu chaotisch“ einer realistischeren Erklärung weichen.
Wann eine Diagnostik möglicherweise weniger relevant ist:
Nicht jeder Mensch mit ADHS-typischen Merkmalen benötigt zwangsläufig eine Diagnostik. Sind die Symptome z.B. nur leichtgradig ausgeprägt oder führen sie im Alltag kaum zu Einschränkungen, ggf. Weil bereits gute Strategien entwickelt oder der passende Arbeitsplatz gefunden wurden, kann der persönliche Nutzen einer Diagnose geringer sein – insbesondere, wenn ohnehin kein Bedarf an einer (medikamentösen/ verhaltenstherapeutischen) Behandlung besteht.
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ADHS bei Frauen:
Warum die Diagnose oft zu spät kommt
Ein lautes, hyperaktives Kind, das im Unterricht dazwischenruft: dieses Bild prägt seit Jahrzehnten unsere Vorstellung von ADHS. Es trifft vor allem auf Jungen zu. Viele Frauen erkennen sich darin nicht wieder, obwohl auch sie betroffen sind. Statt Hyperaktivität zeigt sich bei ihnen innere Unruhe, statt Impulsivität oft Perfektionismus. Sie funktionieren nach außen, während sie innerlich gegen Überforderung, Erschöpfung und ständiges Grübeln ankämpfen.
Diese Anpassung wird in der Forschung als Masking oder Camouflaging bezeichnet. Betroffene Frauen entwickeln bereits in der Kindheit Strategien, um nicht aufzufallen, und kontrollieren ihre Reaktionen bewusst. Das kostet enorm viel psychische Energie, häufig über Jahrzehnte.
Die Folge: Viele Frauen erhalten ihre ADHS-Diagnose erst im Erwachsenenalter, manche erst, nachdem bei ihren eigenen Kindern ADHS festgestellt wurde und sie Ähnlichkeiten bei sich selbst erkennen.
WARUM DIAGNOSTISCHE KRITERIEN LANGE AM MÄNNLICHEN ERSCHEINUNGSBILD ORIENTIERT WAREN:
Screening-Fragebögen und klinische Kriterien wurden über Jahrzehnte vor allem an männlichen Symptommustern entwickelt und validiert. Die eher unaufmerksame, introvertierte Ausprägung, die bei Frauen häufiger auftritt, wird dadurch schlechter erfasst. Frauen erreichen in klassischen Fragebögen seltener die für eine Diagnose erforderliche Punktzahl, obwohl der Leidensdruck vergleichbar hoch ist.
Hinzu kommt die soziale Erwartungshaltung: Mädchen werden früh dazu sozialisiert, angepasst und organisiert aufzutreten. Wer diesen Erwartungen entspricht, fällt seltener auf, auch mit erheblichen Schwierigkeiten im Inneren.
WAS SICH IN DER NEUEN LEITLINIE VORAUSSICHTLICH VERÄNDERT:
Die deutsche S3-Leitlinie zu ADHS wird derzeit überarbeitet und liegt als Konsultationsfassung der Version 2.0 vor. Eine zentrale Neuerung: Die Indikation für eine Diagnostik wird erweitert und soll künftig auch bei Symptomen jenseits des klassischen Stereotyps geprüft werden, etwa Überforderung, Prokrastination oder emotionaler Dysregulation im Erwachsenenalter. Damit rückt eine bislang unterdiagnostizierte Gruppe stärker in den Fokus: Frauen.
Der jahrelange Druck, unauffällig zu funktionieren, bleibt nicht ohne Folgen. Erwachsene mit ADHS entwickeln überdurchschnittlich häufig zusätzliche Depressionen oder Angststörungen, wobei Frauen hier besonders betroffen sind.
Aus meiner klinischen Erfahrung berichten Frauen nach ihrer Diagnose immer wieder von dem Gefühl, sich selbst zum ersten Mal zu verstehen. Jahrzehntelange Selbstzuschreibungen wie „chaotisch" oder „nicht belastbar genug" zu sein, verlieren an Gewicht, sobald ein neurobiologisches Erklärungsmodell zur Verfügung steht.
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Wenn aus ADHS-Symptomen ein
niedriges Selbstwertgefühl wird
Die Forschung zeigt seit Jahren einen engen Zusammenhang zwischen ADHS und einem verminderten Selbstwertgefühl.
Bspw. wertete ein systematisches Review aus dem Jahr 2024 elf Studien zum Zusammenhang zwischen ADHS und Selbstwert bei Erwachsenen aus, die auf der Rosenberg Self-Esteem Scale basierten. In fünf von sechs Studien mit gesunden Kontrollgruppen zeigte sich ein niedrigerer Selbstwert bei Menschen mit ADHS. Zudem bestand ein negativer Zusammenhang zwischen Symptomstärke und Selbstwert: Je ausgeprägter die ADHS-Symptomatik, desto geringer fiel das Selbstwertgefühl aus.
Ein Erklärungsansatz für diesen Zusammenhang stammt aus der sogenannten Sociometer-Theorie. Sie geht davon aus, dass unser Selbstwertgefühl eng mit dem Erleben sozialer Akzeptanz und Zugehörigkeit verbunden ist.
Menschen mit ADHS erleben häufig schon früh Situationen, in denen sie negative Rückmeldungen erhalten, beispielsweise durch
* vergessene Hausaufgaben oder Termine
* impulsive Äußerungen
* Schwierigkeiten mit Organisation und Struktur
* Kritik wegen vermeintlicher Unzuverlässigkeit
Jede einzelne dieser Erfahrungen mag für sich genommen wenig bedeutsam erscheinen. Über Jahre und Jahrzehnte können sie jedoch das Bild prägen, das Menschen von sich selbst entwickeln.
Aus „Ich vergesse Dinge“ wird dann z.B. „auf mich kann man sich nicht verlassen“.
Was bedeutet das für die Praxis?
Soziale Unterstützung und aktive Bewältigungsstrategien gehören zu den wichtigsten Faktoren für einen gesunden Selbstwert.
Eine Medikation kann viele ADHS-Symptome wirksam reduzieren. Sie verändert jedoch nicht automatisch die Überzeugungen, die sich über Jahre entwickelt haben.
Deshalb geht es in der Psychotherapie häufig auch um Fragen wie:
* Wie spreche ich mit mir selbst?
* Betrachte ich meine Symptome als persönliches Versagen oder als Ausdruck einer neurobiologischen Besonderheit?
* Welche Erfahrungen haben mein Selbstbild geprägt?
Die Arbeit am Selbstwert ist deshalb für viele Menschen mit ADHS kein Nebenschauplatz, sondern ein zentraler Bestandteil der Behandlung.
Es lohnt sich also, bei ADHS nicht nur auf Konzentration, Organisation oder Impulsivität zu schauen. Denn häufig leiden Betroffene nicht nur unter ihren Symptomen, sondern auch unter den Schlussfolgerungen, die andere Menschen – und später sie selbst – über Jahre daraus gezogen haben.
Der Zusammenhang zwischen Selbstwert und psychischer Gesundheit beschäftigt mich nicht nur in meiner therapeutischen Arbeit. Gemeinsam mit drei Kolleginnen habe ich in den vergangenen Monaten an einem Buch zum Thema Selbstwert gearbeitet. Je tiefer wir uns in die Forschung eingearbeitet haben, desto deutlicher wurde: Selbstwert ist weit mehr als ein Wohlfühlthema. Er beeinflusst, wie wir Herausforderungen begegnen, Beziehungen gestalten und mit uns selbst umgehen – bei ADHS ebenso wie bei vielen anderen psychischen Belastungen.
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ADHS bei Frauen: Wenn die Symptome
mit dem Zyklus schwanken
Viele Frauen mit ADHS kennen das: An manchen Tagen gelingt es ihnen, sich zu konzentrieren, Aufgaben zu organisieren und emotional ausgeglichen zu bleiben. An anderen Tagen scheint plötzlich alles deutlich schwerer zu sein.
Die Forschung zeigt, dass hormonelle Veränderungen und ADHS miteinander interagieren. Östrogen unterstützt im Gehirn unter anderem die Dopaminaktivität und damit Funktionen wie Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und emotionale Regulation.
Sinkt der Östrogenspiegel, beispielsweise vor der Menstruation, nach einer Geburt oder während der Perimenopause, kann sich dies auf ein dopaminerges System auswirken, das bei Menschen mit ADHS ohnehin anders reguliert ist.
Viele Frauen berichten in diesen Phasen über stärkere Vergesslichkeit, mehr Ablenkbarkeit, größere emotionale Empfindlichkeit oder Schwierigkeiten bei der Impulskontrolle.
Einige Studien und klinische Beobachtungen deuten zudem darauf hin, dass Stimulanzien bei manchen Frauen in bestimmten Zyklusphasen weniger wirksam sein können.
Deshalb kann es hilfreich sein, Symptome und Zyklus parallel zu dokumentieren, zum Beispiel mit einer App oder einem kurzen täglichen Rating. Wer Muster erkennt, kann belastende Phasen besser einordnen und gemeinsam mit der behandelnden Therapeutin / Ärztin überlegen, welche Anpassungen sinnvoll sein können.
Für die Diagnostik bedeutet das: Schwankende Symptome sollten nicht vorschnell als Gegenargument für ADHS gewertet werden. Gerade bei Frauen können zyklusabhängige Veränderungen ein wichtiger diagnostischer Hinweis sein.
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Die neue S3-Leitlinie ADHS
Konsultationsfassung
Erstmals seit Jahren wurde die S3-Leitlinie ADHS grundlegend überarbeitet. Sie wird die Diagnostik und Behandlung von ADHS in Deutschland langfristig beeinflussen.
Was sich wirklich ändert – eine fachliche Einordnung:
Leitlinien sind keine Gesetze. Sie beeinflussen jedoch, wie Ärztinnen, Ärzte und Therapeutinnen ausgebildet werden, welche diagnostischen Standards gelten und woran sich die Versorgung orientiert.
Von Symptomzählen zu Teilhabe
Bisher lautete die zentrale Frage häufig: Hat die Person genügend Symptome für die Diagnose? Die neue Perspektive lautet stärker: Welche Auswirkungen hat die Symptomatik auf Funktion, Lebensqualität und Teilhabe? Zwei Menschen können dieselbe Anzahl von Symptomen haben und dennoch ganz unterschiedlich beeinträchtigt sein. Diesem Umstand trägt die Leitlinie nun deutlich stärker Rechnung.
ADHS bei Frauen – eine wichtige Veränderung
Erstmals werden geschlechtsspezifische Unterschiede deutlich ausführlicher berücksichtigt: innere Unruhe statt sichtbarer Hyperaktivität, Grübeln statt offensichtlicher Impulsivität, Masking statt auffälligem Verhalten.
Viele Frauen erhalten ihre Diagnose erst nach Jahren oder Jahrzehnten. Häufig erst, nachdem bereits Depressionen, Angststörungen oder andere komorbide psychische Erkrankungen behandelt wurden. Die neue Leitlinie macht diese Besonderheiten deutlich sichtbarer.
Kompensation ist kein Gegenargument mehr
Viele Erwachsene mit ADHS haben studiert, Karriere gemacht oder Familien gegründet. Das wurde in der Vergangenheit teilweise als Argument gegen eine ADHS-Diagnose gewertet.
Die entscheidende Frage lautet heute eher: Wie viel Energie hat es gekostet, dieses Funktionsniveau aufrechtzuerhalten?
Chronische Erschöpfung, Perfektionismus usw. werden diagnostisch stärker mitgedacht.
Stigmatisierung wird erstmals ausdrücklich berücksichtigt
Jahrzehntelange Zuschreibungen wie „faul“, oder „chaotisch“ hinterlassen Spuren. Sie beeinflussen Selbstwert und oft auch den Verlauf psychischer Belastungen.
Dass diese Faktoren nun ausdrücklich berücksichtigt werden, ist ein wichtiger Schritt.
Wo weiterhin Entwicklungsbedarf besteht
Die Leitlinie geht weiter als ihre Vorgängerversionen. Gleichzeitig bleiben Themen, die aktuell intensiv diskutiert werden, bislang nur am Rande berücksichtigt. Dazu gehören beispielsweise hormonelle Einflüsse im Zusammenhang mit der Perimenopause oder die diagnostische und therapeutische Versorgung von Menschen mit gleichzeitigem ADHS und Autismus.
Fazit
Die neue Leitlinie verschiebt den Blick: weg von einer reinen Symptomperspektive, hin zu Funktion, Teilhabe und dem gesamten Lebensverlauf.
Gerade für Erwachsene, Frauen und Menschen mit später Diagnose könnte diese Leitlinie langfristig einen Unterschied machen.
Entscheidend wird nun sein, ob die neuen Erkenntnisse auch in der Versorgungspraxis ankommen.
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ADHS & Partnerschaft
Wenn Menschen an ADHS in Beziehungen denken, denken sie häufig an Vergesslichkeit, Terminchaos, Unordnung oder mangelnde Verlässlichkeit.
Was Beziehungen jedoch oft deutlich stärker belastet, ist etwas anderes:
Emotionale Dysregulation.
Viele Erwachsene mit ADHS erleben Emotionen intensiver und haben größere Schwierigkeiten, diese zu regulieren. Eine sachlich gemeinte Rückmeldung kann sich plötzlich wie persönliche Ablehnung anfühlen und Konflikte eskalieren schneller, als beide Partner es eigentlich möchten.
In meiner Arbeit als Psychotherapeutin erlebe ich häufig, dass Betroffene und ihre Partner diese Zusammenhänge zunächst gar nicht kennen. Stattdessen entstehen Missverständnisse:
„Du bist immer so empfindlich.“
„Wegen jeder Kleinigkeit zettelst du Streit an.“
Dahinter steckt weder mangelnde Reife noch Streitlust, sondern ein Kernsymptom von ADHS, das immer noch vergleichsweise wenig im Fokus steht.
Wenn du dich oder deine Partnerin bzw. deinen Partner darin wiedererkennst: Eine fundierte Diagnostik, Verhaltenstherapie, ggf. begleitende Pharmakotherapie und bei Bedarf auch eine Paartherapie bei jemandem mit ADHS-Erfahrung können viel verändern.
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ADHS & Social Media
„Wenn du ständig Songs im Kopf hast, deinen Schlüssel verlegst und schnell gelangweilt bist … dann hast du vielleicht ADHS.“
So oder so ähnlich klingt ein großer Teil der ADHS-Videos bei TikTok oder Instagram.
Eine aktuelle Studie der University of British Columbia hat die 100 populärsten #ADHD-Videos auf TikTok untersucht.
Ergebnis: Etwa die Hälfte enthielt Fehlinformationen oder stark vereinfachte Darstellungen.
Wichtig dabei:
Die meisten Creator verbreiten nicht bewusst Falschinformationen. Viele teilen ihre persönlichen Erfahrungen mit ADHS — die auf Social Media jedoch schnell als allgemeingültige Symptome verstanden werden.
Oft werden Alltagserfahrungen wie Prokrastination, Unordnung, emotionale Überforderung oder Langeweile bei Routinen als typische ADHS-Merkmale dargestellt. Diese Erfahrungen machen jedoch auch sehr viele Menschen ohne ADHS.
Gleichzeitig sehe ich die Entwicklung ambivalent positiv:
Soziale Medien haben auch dazu beigetragen, dass Erwachsene mit ADHS ihre Symptome erstmals einordnen können und anschließend professionelle Hilfe oder eine Diagnostik aufsuchen. Viele Betroffene, insbesondere Frauen, wurden jahrzehntelang übersehen.
Das eigentliche Problem ist deshalb weniger die Aufklärung selbst, sondern die fehlende Differenzierung.
ADHS im Erwachsenenalter bedeutet für viele Betroffene massiven Leidensdruck:
chronische Überforderung, Probleme mit Selbstorganisation, emotionale Dysregulation, Erschöpfung, Scham, Konflikte, finanzielle Probleme, Suchtrisiken oder instabile Beziehungen.
Eine gute Diagnostik fragt deshalb auch:
„Seit wann bestehen die Symptome?“
„Wie stark beeinträchtigen sie das Leben?“
Und vor allem: Welche alternativen Erklärungen kommen ebenfalls infrage?
Genau diese Differenzierung passt schlecht in 30-Sekunden-Clips.
Trotzdem glaube ich:
Wir brauchen nicht weniger Aufklärung auf Social Media.
Wir brauchen bessere!
Studie:
Karasavva et al. (2025), PLOS ONE
Wissen und Impulse zu ADHS, Selbstwert und psychischer Gesundheit.
Neue Studie zum Thema ADHS &
Lebenserwartung
Eine neue große Studie ( Life expectancy and years of life lost for adults with diagnosed ADHD in the UK (British Journal of Psychiatry, 2025) dazu hat viele überrascht.
Mich ehrlich gesagt auch. Es ist schon länger bekannt, dass ADHSler aufgrund von z.B. erhöhter Impulsivität, Unfällen (Risikosportarten) oder Sucht (häufige komorbide Erkrankung bei ADHS) im Durchschnitt eine kürzere Lebenserwartung haben. Nun ist aber noch ein anderer Risikofaktor in den Fokus gerückt:
Gesundheitsvorsorge.
Denn ADHS betrifft oft genau die Fähigkeiten, die man braucht, um langfristig gut für sich selbst zu sorgen:
- Termine vereinbaren
- Dranbleiben
- Warnsignale ernst nehmen
- Medikamente regelmäßig einnehmen und für Nachschub sorgen…
In meiner Praxis erlebe ich viele Erwachsene mit ADHS, die nach außen hochfunktional wirken. Sie sind engagiert, leistungsfähig und verlässlich.
Aber gleichzeitig:
Der Zahnarzttermin wird seit zwei Jahren verschoben. Der Schlaf ist katastrophal. Stress wird als normal erlebt. Der eigene Körper läuft irgendwo nebenher. Die Folgen entstehen nicht plötzlich, sondern langsam und über viele Jahre hinweg.
ADHS ist weit mehr als eine „Konzentrationsstörung“. Es beeinflusst Selbststeuerung — und damit oft auch die Fähigkeit zur langfristigen Selbstfürsorge.
Unter anderem deshalb sind Diagnostik, Psychoedukation, Therapie und passende Unterstützung so wichtig: Damit Menschen mit ADHS langfristig gesünder leben können.
